Thomas Scheibitz: Double



Double
Thomas Scheibitz

3. Oktober 1998 bis 31. Oktober 1998

Zur Ausstellung von Thomas Scheibitz

Kunst kann die Welt nicht grundlegend verwandeln, doch immerhin verbessern, lebenswerter machen, mitunter auch: unterhaltsamer gestalten.  Künstler habe die Funktion, Werke zu schaffen, die in übertragenem Sinne außerhalb der Welt stehen, aber anziehend wirken. So jedenfalls sieht es der Musiker und Produzent BrianEno. Was er mit seiner „music for airports“ anstrebt - eine Beruhigung von Vekehrsteilnehmern durch die Restrukturierung und Erweiterung des Raumklanges gesichtsloser, unwirtlicher Orte - hat sich als Strategie auch in den Bildkünsten und im zeitgenössischen Austellungsbetrieb etabliert.  Die Erfindung einer zeitgemäßen und populären Bildkunst geht von einer sparten-, genre-, stil- und medienübergreifenden Sichtung und Auswahl des Vorhandenen aus.  Es geht um die Kultivierung und Einbindung origineller Positionen in einen Rahmen, um die individuelle Abmischung des Bekannten, die Maßstäbe setzt, einen Überblick konstruiert, Orientierung und das „Wohlbefinden“ fördert.  Eine solche persönliche Auswahl von Künstlern und Werken, die bislag allenfalls der Arbeitsort, die Generation und derselbe Zeithorizont verband, stellte Anfang 1998 die Ausstellung „sehen sehen“ in Berlin vor. Für Thomas Scheibitz war das eine Gelegenheit, den Stand seiner Arbeit in der Zusammenstellung mit fremden Positionen zu prüfen.  Seine Einzelausstellung in loop – raum für aktuelle kunst kann als Fortsetzung dieser Zusammenarbeit und als Ergebnis eines Dialogs angesehen werden, den ein gemeinsamer Wunsch nach Erweiterung der Möglichkeiten des traditionellen Bildes und Bildermachens trägt.

 
Das von ihm seit Mitte der 90er Jahre geschaffene künstlerische Werk besteht in der Hauptsache aus einem Ensemble überwiegend großformatiger Gemälde, die als Zuwachs auf dem Feld der Malerei Beachtung verdienen.  Parallel dazu hat Scheibitz ein Fotoarchiv angelegt, ein Konvolut von Zeichnungen geschaffen sowie Objekte aus Holz und Metall hergestellt, mit deren Hilfe er die Maßverhältnisse, Farbzusammenstellung und Motivauswahl seiner Bilder erkundet und erweitert.  Seine Ausstellung im loop – raum für aktuelle kunst thematisiert mit repräsentativen Arbeiten aus den Jahren 1997 – 98 die Schwerpunkte und den Zusammenhang dieser bildkünstlerischen Bemühungen. 
 
Scheibitz hat sich die Malerei als Experimentierfeld erobert, auf dem er sich traditionelle Bildaufgaben und zeitgenössische Bildangebote erschließt.  Er ist ein Liebhaber des Einzelbildes geblieben, was weniger etwas mit einem Mangel an Konzeption, als mit seiner Herangehensweise zu tun hat.  Angestrebt wird prinzipiell nicht die Umsetzung, vielmehr die Entfaltung eines Motivs durch Malerei in verschiedene Dimensionen: es wird in seine Proportionen rekonstruiert und erweitert, bekommt eine dynamische Gestalt, wird farblich attraktiver und metaphorisch aufgeladen.  Es gibt keine Serienproduktion, sondern nur Einzelanfertigungen, die zudem einen Titel tragen, welcher ihre Individualität unterstreicht.  Jedes Bild stellt im Hinblick auf seine Komposition, Farbanlage und Motivwahl eine Erfindung dar, die das Repertoire des Malers erweitert.
 
Scheibitz malt nicht nach Konzept, doch mit System.  Seine  Professionalisierung in den letzten Jahren – der Zugewinn an Maß und Eleganz der Linienführung, die Bereicherung seiner Bilder in Faktur und Farbgebung sowie durch zunehmend komplexere Bildräume und Formgebilde – wurde durch eine Konzentration auf Bildthemen erzielt.  Man entdeckt eine Vorliebe für tiefe Raumbilder und nahsichtige Objektdarstellungen, die das Gemälde zu einem Fenster machen.  Gleichzeitig hat er in abstrakten Kompositionen und Monogrammbildern Hintergründe durch Farbflächen und Objekte durch farbige Linien oder Buchstaben ersetzt.  Überraschende und ungewöhnliche Bilderfindungen zeigt die Gruppe seiner Kopfbilder. Das Motiv einer Glaskugel, in der sich der umliegende Raum spiegelt, erscheint auf der Leinwand als konvexes Gebilde mit anthropomorphen, nein: mickeymausartigen Zügen.  Bild- und Ausstelungsraum sind endlich vereint; der Raum hat ein Gesicht bekommen – oder eine Fratze, vielleicht die des Betrachters? Mit diesen Versuchen zur Dämonisierung einer ansonsten unbevölkerten Bildwelt hat Thomas Scheibitz auch die Ironie in seine Malerei eingeführt.

Christian Hufen, September 1998