Konstruktion | Statik

 
Die plastischen und malerischen Aspekte in der Architektur lotet die kommende Ausstellung Konstruktion | Statik im loop- raum für aktuelle kunst aus, die am 10.Juli eröffnet wird.

Im Zentrum der Präsentation stehen Arbeiten, die in ihrer Abstraktion und Reduktion das Wesentliche, Essentielle der Baukunst in sich als Plastik konzentrieren – ohne dass der Bezug zum Konstruktiv-Funktionellen für den Betrachter verloren geht. Es sind Symbole der Architektur mit Verweis- nicht Abbildungscharakter.

Obwohl alle Künstler – Roland Boden, Eberhard Bosslet, Achim Kobe, Karsten Konrad, Götz Valien, Oliver van den Berg und Dominic Wood - in ihrem Werkbegriff eng an der Linie zwischen raumbezogener, installativ-plastischer Kunst und Architektur(modell) arbeiten, sind die Werke keine klassischen Architekturmodelle. Sie vereinigen vielmehr die ästhetische Dimension der Körper-Raum-Beziehung (die Konstruktion) mit der greifbaren, manifestierten Statik der Skulptur/des Modells in ganz unterschiedlicher Herangehensweise.

So zeigt der Künstler Roland Boden einen Metallquader, der sich gitterartig aus kleinen Metallkuben zusammensetzt, eine Stahlkonstruktion, wie sie einem tatsächlichen Gebäude vorausgehen mag. Gerade mit dem Aufzeigen dieser repetitiven, multiplikativen Elemente der Skulptur legt er den Zusammenhang von Statik/Ästhetik nahe.

Ebenfalls eng an der Grenze zur Modell-Skulptur liegen die Arbeiten von Oliver van den Berg, der drei Bodenskulpturen präsentiert. Die rund bis ovalen Formen sind (Sport-) Stadien nachempfunden. Die Funktionalität relativiert sich aber auch hier. Van den Berg arbeitet die Essenz der Form, des architektonischen Prinzips heraus, auch indem er sich auf nur ein Material (Aluminium) beschränkt und die Skulptur aus einzelnen geschwungenen Streben zusammensetzt.

Die Multiple-Reliefs von Karsten Konrad sind auf den ersten Blick eher ungewöhnlich für einen Künstler, der zahlreiche architektonisch inspirierte Modellskulpturen/Installationen geschaffen hat.
Die Reliefs zeigen aber gerade einen nicht-funktionalen und doch elementaren Aspekt – die Fassadenarchitektur. Sie liegt an der Oberfläche der Konstruktion, betont oder relativiert sie.
In der Ausstellung ist sie -autonom- das ästhetische Prinzip der Konstruktion.

Der in Dresden als Professor für Skulptur und Raumkonzepte tätige Eberhard Bosslet zeigt mit 'Apparat I' eine Arbeit aus seiner Reihe 'strapping pieces , Skulpturen, in denen zumeist Karteikartenschränke mit den Materialien Holz und Metall Verwendung finden. Seine Arbeiten schließen sich inhaltlich dem Konstruktion-Ästhetik-Prinzip der Ausstellung an: wo
endet das funktionale Material (Statik)- wo beginnt das Ästhetische
(Konstruktion)?

Die Bodenskulptur des Australiers Dominic Wood mit dem Titel "structual stability" setzt sich aus Fertigmodulen von Regalen und Aufhängungssystemen zusammen. Material also, dem die Funktionalität und Konstruktivität innewohnt. Für die Skulptur werden die Schienen, MDF-Platten und Wandwinkel übereinander montiert zu einem fragilen Gebilde, das entfernt an den Rohbau eines Gebäudes erinnert. Die teilweise übereinander liegenden Böden, schräge, ineinander ragende Trägerschienen und aufrechte Winkel konterkarieren den ersten Eindruck des Statischen jedoch und betonen den Blick auf die plastischen Elemente. Die Übereinanderschichtung der verschiedenen Materialien und Stoffe erzeugen eine Art “dreidimensionale Malerei”. Diese Ambivalenz der Skulptur spiegelt die titelgebende Theorie des Mathematikers René Thoms wieder, der die Koexistenz von  Berechenbarkeit und ‚struktureller Stabilität” grundsätzlich ausschloss.
"Virtueller Realismus" nennt Götz Valien seine Malerei, die er seit 1985 realisiert. Dabei beruft sich der Künstler auf die Wirklichkeitsvorstellung des Konstruktivismus, der in der Realität nur eine subjektiv vorgestellte und zusammengesetzte Wirklichkeit sieht. Wirklichkeit ist die Folge unendlich vieler Vernetzungen die Oberflächen erzeugen, die auf ihre Existenz hinweisen, die sie aber nur partiell darstellen. Das Spiel mit reellen und konstruierten Räumen spiegelt sich in seinen Arbeiten für Konstruktion | Statik wieder: futuristisch anmutende Raumsituationen, in denen immer das ästhetische Prinzip – weniger die Funktionalität im Vordergrund zu stehen scheint.

Eine formal völlig andere, inhaltlich jedoch sehr verwandte malerische Herangehensweise an das Thema erfolgt durch Achim Kobe – schwarze Streifen, geometrisch übereinander liegend, erzeugen ihrerseits (virtuellen) Raum – hier aufs Wesentliche, aufs Abstrakte reduziert. Das zweidimensionale Medium erzeugt dennoch ein Bild von Regelmäßigkeit, Konstruktion und Statik – ohne das ästhetische Prinzip zu vernachlässigen.

Die Werke bei Konstruktion | Statik zeigen mehr als die Grenze zwischen Modell und Skulptur – sie versuchen, das Wesentliche dieser Grenze auszuloten. Die Arbeiten spiegeln eine konsequente Entwicklung wider vom Spiel mit offensichtlichen Parallelen hin zur genauen Analyse der Unterschiede, der Details und Abstraktionsmöglichkeiten.
Text: Holle Rauser